Konfliktforschung: Identität und Abgrenzung


Konfliktforschung: Identität und Abgrenzung
Konfliktforschung: Identität und Abgrenzung
 
Sind wir dazu verurteilt, im neuen Jahrhundert wieder Konflikte zwischen Nationen und Kulturen in neuen Formen auszutragen? Eine wichtige Voraussetzung, um diesen scheinbaren Automatismus der Geschichte zu durchbrechen und für den »Wind der Veränderung« zu sorgen, ist es, die für die Herausbildung von Identitäten so wichtigen Definitions- und Abgrenzungsprozesse nicht den Charakter totaler und unversöhnlicher Feindschaft annehmen zu lassen. Dies gelingt, wenn wir die Mechanismen verstehen lernen, die hinter Identifizierung und Gemeinschaftsbildung stehen. Verdecktes wird durchschaubar, die Prozesse des kollektiven Unbewussten werden bewusst, wo »Es« ist, soll »Ich« werden, wie der Vater der Psychoanalyse Sigmund Freud gesagt hat. Zu dieser Bewusstwerdung der eigenen Abgrenzung vom Anderen gehört aber auch eine geistige Gratwanderung zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Aufklärung und Rücksicht. Erst wenn das Andere oder der Andere nicht als etwas schlechthin Feindliches gesehen, sondern als ein Fremdes respektiert und ihm sein Geheimnis gelassen wird, ist ein Nebeneinander auch zwischen Nationen, Kulturen und Religionen im kommenden Jahrtausend möglich.
 
 Alter Nationalismus, neue Fronten
 
Das Ende des 20. Jahrhunderts scheint von Aufbruchstimmung und Resignation zugleich gekennzeichnet zu sein. Der Zerfall der bisherigen Blöcke Ost und West brachte politisches, wirtschaftliches und soziales Tauwetter mit sich, auf das aber schon bald die Ernüchterung folgte. Neben alten und neuen nationalistischen Bewegungen bieten sich auch kulturelle und religiöse Identifikationsmuster an, die für neue Konflikte sorgen.
 
Die Katastrophe des Jahrhunderts
 
Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei Prinzipien im Kampf um die Welt: Die Macht und das Recht, die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Prinzip des Beharrens und dasjenige der gärenden Bewegung, des Fortschritts. Man konnte das eine das asiatische Prinzip, das andere aber das europäische nennen, denn Europa war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, die untätige Ruhe verkörperte. Kein Zweifel, welcher der beiden Mächte endlich der Sieg zufallen würde, — es war die der Aufklärung, der vernunftgemäßen Vervollkommnung.«
 
Mit diesen Worten resümiert Thomas Mann im »Zauberberg«, in der literarischen Brechung mittels der Figur des schon etwas altmodisch gewordenen italienischen Humanisten Settembrini, wesentliche Vorstellungen der europäischen Moderne des 19. Jahrhunderts. Er siedelt sie an im Milieu des frühen 20. Jahrhunderts, in einem Davoser Lungensanatorium, in dem das europäische Nebeneinander der Nationen noch einmal repräsentiert ist, bevor es in der »großen Gereiztheit«, scheinbar unerklärlich zerbricht und sich der Held des Romans, Hans Castorp, in den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs verliert. So mündet die präzis-poetische Beschreibung der europäischen Mentalität und Konstellation zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Blick auf die »Mutterkatastrophe« eben dieses Jahrhunderts. Wie der britische Kriegshistoriker John Keegan deutlich gmacht hat, haben die spezifischen Verwirrungen unseres Jahrhunderts, Faschismus und Bolschewismus, nicht zuletzt in dieser Katastrophe ihre Wurzeln. Unschwer ließe sich Settembrinis Dialektik um Begriffspaare wie Liberalismus und Totalitarismus, Recht und Terror, West und Ost erweitern — die im »Zauberberg« mit der Figur des jesuitischen Kommunisten Naphta bereits artikuliert sind.
 
Neues Aufleben der Nationalstaaten
 
Nun schien vor wenigen Jahren das katastrophale 20. Jahrhundert, kurz vor der Zeitenwende in ein neues Jahrtausend, versöhnlich zu enden: mit der Zeit der Wende von 1989 bis 1991 sowie mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur und des sowjetischen Imperiums. Bis in die Popmusik hinein war der »wind of change« zu spüren. Doch die Ernüchterung folgte rasch. In vielen Regionen der Welt führten Kriege zu längst überwunden geglaubten Unmenschlichkeiten wie im zerbrechenden Jugoslawien. Werden die Gründe für diesen Zerfall unter die Lupe genommen, wird deutlich, wie hier noch die Konstellation der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wirksam ist. Diesem Krieg gingen zwei Balkankriege und die Schüsse auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo voraus. Auch deswegen ist der Jugoslawien-Konflikt bereits als dritter Balkankrieg bezeichnet worden, und die Gefahr eines vierten, noch brisanteren Krieges ist keineswegs gebannt.
 
Die »Wiedergeburt des Nationalismus«, die für unsere postkommunistische Ära diagnostiziert wurde und die sich keineswegs nur auf Europa erstreckt, scheint Zustände und Entwicklungen zu forcieren, die die Welt schon einmal in die Katastrophe geführt haben. Dies ist umso bedenklicher, als der Nationalstaat mit den Interessen, die er verfolgt und den Emotionen, die er mobilisiert, nach wie vor ein wesentliches Element der Identifizierung großer sozialer Gruppen darstellt. Er ist Konstituens der Identität moderner Massengesellschaften, zugleich auch ein Raum für politische Partizipation und die Souveränität des Volkes, in dem Unterschiede von Rasse, Konfession, Geschlecht und Stand aufgehoben sind. Müssen wir uns im ersten Jahrhundert des neuen Jahrtausends darauf einrichten, das letzte Jahrhundert des alten Jahrtausends gleichsam zu wiederholen? Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass es vor solch einer Entwicklung keinen Schutz gibt.
 
Neue und alte Identifikationsmuster
 
Nun bestehen auf einer die Nationalstaaten übergreifenden Ebene, in globalem Maßstab, noch andere Identifizierungsangebote und Identitätsmuster. Auch sie sind alles andere als neu und sie ähneln ziemlich genau denen, die Thomas Manns Settembrini formuliert hat. Vor drei Jahren hat Samuel P. Huntington, als Professor für Politikwissenschaft in Harvard fast so etwas wie ein modernes Orakel, unter dem Titel »Kampf der Kulturen«, ein viel beachtetes Buch publiziert, das für »die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert« ein so eindeutiges wie problematisches Szenario entwirft: Anstelle des ideologischen West-Ost-Gegensatzes tritt gleichsam ein neuer Dualismus. Der liberal-demokratische, progressiv-pluralistische Westen hat es jetzt mit einem Osten aufzunehmen, der nicht nur an seiner islamisch-fundamentalistischen Variante erkennbar ist, sondern auch an seiner konfuzianisch-fernöstlichen Version bei den »jungen Tigern«. Zwar haben Huntingtons Thesen vielfach Widerspruch gefunden. Aber die populäre Rezeption des Buches spricht Bände. So wird die Frage gestellt: »Werden die Grenzen zwischen den Kulturen die Fronten der Zukunft sein?«
 
Beide Perspektiven, das Wiederaufleben des alten Nationalismus und die Neuformierung des noch viel älteren West-Ost-Gegensatzes, sind wenig angenehme Aussichten auf die neue Zeit. Sie sind vor allem deshalb so bedenklich, ja gefährlich, weil hinter ihnen sehr elementare Prozesse der Selbstfindung und Identitätsbildung stehen.
 
 Wie Identitätsbildung abläuft
 
Es ist eine grundlegende psychologische Erkenntnis, dass jedes Individuum ein Gegenüber braucht, um Identität zu gewinnen. Wir Menschen sind angewiesen sowohl auf Rückmeldung wie auf ein gewisses Maß an Abnabelung, auch und gerade im engsten Umfeld, um zu uns selbst zu finden. Identifizierung und Selbstvergewisserung sind an die psychologischen Prozesse von Rückmeldung und Abgrenzung gebunden.
 
Das Ich entsteht durch den Anderen
 
Dieser Satz von Selbstdefinition und Opposition lässt sich ohne weiteres auch auf die Identität von Gruppen jedweder Größe übertragen. Auch dies lehrt schon unsere alltägliche Erfahrung. Es sind gerade exklusive Oppositionen und Gegenüberstellungen, die offensichtlich im Prozess des »nationbuilding« und der kulturellen Identifizierung im globalen Maßstab besonders wirksam sind.
 
Unter dem Titel »Vaterland der Feinde« publizierte Michael Jeismann ein Buch über die Formierung der französischen und deutschen Nation, und Huntingtons plastischer Titel spricht für sich. Auf den ersten Blick scheinen also die prognostizierten Entwicklungen auf nationaler wie globaler Ebene unvermeidlich zu sein. Für die düsteren Perspektiven lassen sich, so scheint es, durchaus fundierte Beweise finden.
 
Eine nähere Untersuchung zeigt allerdings ein durchaus anderes und vielfältigeres Bild. Solche Studien können sich auf neue Konzepte und Überlegungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften stützen. Unter einer bewusst kulturwissenschaftlichen Perspektive widmen sich diese verstärkt den unterschiedlichen Verflechtungen und Verknüpfungen zwischen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen und Systemen auf der einen sowie den Vorstellungswelten, Mentalitäten und geistig-künstlerischen Deutungen der in diesem Rahmen lebenden und handelnden Menschen auf der anderen Seite. Charakteristisch für diesen Zugang ist die enge fächerübergreifende Zusammenarbeit in größeren Forschergruppen. Sie widmen sich intensiv den angesprochenen Formen und Prozessen von Identifizierung und Abgrenzung im Spannungsfeld von Identitäten und Alteritäten, wobei der etwas fremd klingende Begriff der Alterität — als »alterité« vor allem in der zeitgenössischen französischen Philosophie diskutiert — für die Rolle und Funktion des/der jeweils Anderen (lateinisch: alter) bei der Ausgestaltung von Identität steht. Dabei geht es um den Einzelnen und die Gruppe, um Individuen und Gesellschaften. So haben beispielsweise die Psychologie, die philosophische Phänomenologie und die moderne Verhaltensbiologie im Hinblick auf die Entwicklung personaler Identität zu vergleichbaren Ergebnissen geführt.
 
Der Vorgang der Identitätsbildung
 
Eine Vorstellung von sich selbst zu haben, setzt voraus, den Anderen wahrzunehmen. In diesem mentalen Prozess kann nun nicht nur das Verhalten des Anderen eingeordnet werden, sondern man selbst kann sich von ihm distanzieren, um damit über sich nachzudenken. Dieses Muster gilt auch für die individuelle Sprachentwicklung und ist so ein wesentliches Element menschlicher Existenz.
 
Wie aber ist das Individuum in die Gesellschaft eingebunden und wie erwirbt es gesellschaftliche Identität? Angesichts der Bedeutung des jeweils Anderen gilt es, zu untersuchen, welche Funktion dieses Andere, genauer gesagt: der Umgang mit ihm, für die Herausbildung kollektiver Identitäten hat. Solche kollektiven Identitäten können Gruppen, größere Einheiten, Verbände, Regionen, Nationen oder übergreifende Zusammenschlüsse sein, die ihre Merkmale auch dann behalten, wenn ihre Mitglieder wechseln.
 
Insbesondere stellt sich die Frage, ob die identitätsstiftende Abgrenzung vom Anderen mehr oder weniger zwangsläufig zu einer binären Opposition, zum Entweder-Oder und damit letztendlich zu Feindschaft und Krieg führt. Auf der individuellen Ebene scheint dies nicht der Fall zu sein, wie bereits die Alltagserfahrung zeigt: Die Prozesse der Abgrenzung und Abnabelung von Mutter und Vater in der Kindheit und Adoleszenz mögen im Einzelnen schmerzhaft und konfliktreich sein, sie müssen aber nicht zum Zerbrechen der familiären Bindungen führen. Allerdings ist der Vorgang der kollektiven Identitätsbildung naturgemäß wesentlich komplexer. Grundsätzlich ist jede kollektive Identität nicht eine eo ipso vorhandene Größe, die objektiv oder geradezu physisch gegeben ist. Vielmehr ist sie ein Konstrukt, ein Produkt kultureller Prozesse, von Identifizierung und Abgrenzung, und sie ist damit vom Menschen gemacht. Diese Prozesse sind aber keineswegs so einfach, dass von der »Erfindung der Nation« gesprochen werden kann.
 
Auch wenn es interessante Beispiele dafür gibt, dass Nationen gleichsam auf Beschluss oder per Dekret eingerichtet wurden, laufen solche Vorgänge nicht in einem Raum freier Verfügbarkeit ab. Politische oder intellektuelle Intention oder Propaganda allein reichen dazu nicht aus, so wichtig sie auch sind. Sie müssen den Betroffenen plausibel sein, sie müssen an etwas anknüpfen, das für den Einzelnen und für Gruppen erfahrbar und nachvollziehbar ist.
 
Die Wahrnehmung des Anderen bewerten
 
Am Anfang jeder kollektiven Identitätsbildung steht die Wahrnehmung von Differenzen. Das Andere oder die Anderen müssen erst einmal als anders wahrgenommen werden. Das setzt an ganz elementaren Beobachtungen an: Jemand hat eine andere Hautfarbe oder ein anderes Geschlecht. Die Anderen sprechen ein für mich unverständliches Idiom. Sie sind anders gekleidet und geschmückt, sie feiern und tanzen anders. Bei genauerem Hinsehen lassen sich weitere Unterschiede in Religion, Brauchtum, Sitte, Wertvorstellungen und Mentalitäten feststellen. Entscheidend für die Formierung einer kollektiven Identität ist, wie die jeweiligen Gruppen mit diesen Wahrnehmungen umgehen. In der Regel bewerten sie diese, und dabei gibt es eine breite Palette von Möglichkeiten. Sie reicht von schrankenloser Bewunderung bis zu radikaler Ablehnung: Die Anderen können faszinierend oder abstoßend sein. Werden sie bewundert, ahmt man sie nach, und das kann zu dem Wunsch führen, einer von ihnen zu sein und sich mit ihnen zu identifizieren. Werden sie abgelehnt, werden gerade die Unterschiede betont. Jedenfalls liegt in solchen Bewertungen, Einschätzungen und Klassifizierungen die entscheidende Voraussetzung für die Herausbildung von Gruppen. Der Mechanismus heißt: sich auf die Anderen beziehen und sich von ihnen absetzen. Bei diesem Vorgang des Absetzens werden den Anderen jeweils unterschiedliche Eigenschaften, Vorstellungen, Verhaltensweisen zugeschrieben, wobei die zu beobachtenden Unterschiede durchaus vertieft oder überhöht werden. Zusätzlich können sich auch Fremdzuschreibungen auf solche entstehenden Selbstbilder auswirken. Dabei kann andererseits das Bild des Anderen sogar als Gegenbild des Selbst konstruiert sein, als Projektion eigener — unterdrückter — Wünsche, wie etwa das des Wilden als Opposition des Zivilisierten seit Jean-Jacques Rousseau.
 
Die Andersartigkeit des Anderen
 
Entscheidend für das Phänomen der kollektiven Identifizierung ist, dass diese Wahrnehmungen, Bewertungen und Zuschreibungen nicht mehr bewusst vollzogen, sondern im Zuge von Sozialisationsprozessen nachvollzogen werden, zumal wenn die Kenntnis der Anderen indirekt vermittelt wird. Damit wird die Wahrnehmung von vornherein selektiv gesteuert: Man sieht nur, was man weiß. In der Regel wird auf diese Weise ein fertiges Set von Vorstellungen übernommen, die Andersartigkeit der Anderen erscheint — wie auch immer sie zustande gekommen ist — als feste Größe, sie ist, so die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann, »verdinglicht«. Das Ergebnis kultureller Setzungen wird durch diesen Vorgang zu einem objektiven und unumgänglichen Tatbestand, der als solcher normalerweise als Resultat natürlicher oder naturgegebener Unterschiede verstanden wird. Reiches ethnologisches und historisches Material zeigt eine weitgehende Übereinstimmung darin, dass sich soziale Gruppen im Hinblick auf ihre Identität als Abstammungsgemeinschaften verstehen. Die ihnen Angehörenden sind verwandt, sie führen sich auf dieselben Vorfahren zurück und betrachten sich gleichsam als Brüder und Schwestern. Der Begriff »Stamm« bringt dies zum Ausdruck. Die Gemeinschaft ist eingewurzelt.
 
Elemente der Identitätsbildung
 
Die Prozesse der Identifikation sind in Geschichte und Gegenwart äußerst wirksam. Nicht nur die Glaubenskriege und Kreuzzüge des Mittelalters, die konfessionellen Kämpfe der Frühen Neuzeit, sondern auch die Volkskriege seit der Französischen Revolution mit ihrer Sakralisierung der Nation, gipfelnd in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, legen Zeugnis dafür ab. Milliarden Menschen waren und sind offensichtlich bereit, für große Einheiten wie eine Nation, die ihren Lebenshorizont weit überschreiten, ihr Leben zu lassen.
 
Identifikationen sind nicht nur Geschichte
 
Solche Vorstellungen, die eine kriegerische Auseinandersetzung ermöglichten, sind aber keineswegs »Geschichte«. Man denke zum Beispiel nur an die Stämme in der Weimarer Reichsverfassung, aber zugleich auch an die Revitalisierung von Stammeskonzepten in vielen Regionen Europas. Oder an das »ius sanguinis«, die Staatsbürgerschaft aufgrund der Abstammung, in der Debatte über die Staatsangehörigkeit, der wir in Deutschland gerade am Übergang zum 21. Jahrhundert ausgesetzt sind.
 
Diese Beispiele mögen illustrieren, auf welchen Wegen die erwähnten großen Kollektive zu engen Gemeinschaften wurden, an denen Herz und Seele hing, und die Normen und Werte setzten. Anders gesagt, der Konstruktcharakter der Identität in Relation zur Alterität wird hierin besonders deutlich. Um Identität auf diesen Ebenen zu stiften (und dabei das Konstruieren nicht zu zeigen), sind erhebliche Anstrengungen nötig. Es sind langwierige Prozesse, die sich in bestimmten Konstellationen allerdings radikal beschleunigen und intensivieren können.
 
Wie wichtig gerade angesichts der Tatsache, dass sich die Angehörigen so großer Verbände gar nicht kennen und zu den Anderen oft noch weniger Zugang haben, die Imagination von Gemeinschaft ist, hat beispielsweise der amerikanische Orientalist Benedict Anderson mit seinem Buch »Die Erfindung der Nation« deutlich gemacht. Die mittels Imagination ausgestalteten Bilder können ein Eigenleben entfalten. Dabei wirken die Diskurse und Lehrmeinungen von Künstlern, Intellektuellen und Gelehrten sowie politische Maßnahmen immer stärker werdender Staaten eng zusammen. Nationale Institutionen, Schulen und Universitäten, Kulturinstitute, Museen und Bibliotheken, sind an der Entstehung dieser Imaginationen ebenso beteiligt wie bestimmte Symbole, Denkmäler, Hymnen oder Flaggen. Weiter transportieren heute die Massenmedien entsprechende Vorstellungen, und Nationalsprachen werden durch ein staatliches Erziehungssystem durchgesetzt, wobei Dialekte teils eingegliedert, teils ausgegrenzt werden. Gerade die Sprache wurde in der Formierungsphase der Nationen, in der Romantik, als Ausdruck von Identität und Verwandtschaft verstanden. Volkstümliche Überlieferungen wurden gesammelt und (nach) gedichtet. Nationale Referenzen setzten sich in Kunst und Literatur durch.
 
Und nicht zuletzt war und ist es die Geschichte, in der sich der Diskurs von Nähe und Verwandtschaft ausdrückt und die deutlich macht, dass auch die große und schier unübersehbare Gesellschaft eine, wie Max Weber sie bezeichnete, »Schicksalsgemeinschaft« ist. Denn gerade die Vergangenheit, die Traditionen und Ursprünge, sind für die Identität solcher Großgruppen ebenso wichtig wie die persönliche Biographie und Lebenserfahrung für das Individuum und sein Selbstverständnis. Dies ist eine Geschichte im Selbstverständnis eines solchen Großverbandes, die für das Verhalten der ihm Angehörenden handlungsleitend und normsetzend ist. Zu ihr haben auch Fachhistoriker viele Beiträge geleistet, auf gelegentlich recht unrühmliche Weise. Letztlich gerinnt nämlich die so betriebene Geschichte genau zu dem, was sie als Wissenschaft ja gerade abbauen und kritisch hinterfragen sollte, zum Mythos. Der britische Historiker Eric Hobsbawm spricht dabei sogar — mit Blick auf viele einleuchtende Beispiele — von der »invention of tradition«.
 
Elemente der Identitätsbildung bei Kulturen
 
Viele Figuren der europäischen Identifizierung haben sich über Jahrtausende hinweg bis in unsere Zeit entwickelt und damit gehalten, so der Sieg der alten Griechen über die Perser. Damit aber ist auch die europäisch-abendländische Identität auf der Polarität von Okzident und Orient gegründet, ein Dualismus wie er in den einleitenden Worten der Romanfigur Settembrini zum Ausdruck kommt. Der Preis, den solche Identitätsbildung kostet, ist die Ausblendung und Ausgrenzung anderer Traditionsstränge. Am Beispiel des Iran kann gezeigt werden, wie sich Eingliederung und Ausgrenzung in geschichtlichen Zusammenhängen vollziehen.
 
Der Ost-West-Gegensatz: ein Beispiel
 
Auch auf der Ebene des einleitend angesprochenen und für das neue Jahrtausend prognostizierten Ost-West-Gegensatzes gilt das komplexe Zusammenspiel von künstlerisch-intellektuellen Diskursen und Ideen einerseits und politischen Eingriffen und Prozessen gesellschaftlicher Formierung andererseits. Dies sei etwas eingehender an einem Beispiel erläutert, das gerade im Blick auf den in diesem Kontext häufig angesprochenen islamischen Fundamentalismus der iranischen Mullahs instruktiv ist. Ihren schier unglaublichen Erfolg gegen das persische Weltreich, in den Schlachten von Marathon und Salamis, haben die Griechen sehr früh als Sieg in einem säkularen Konflikt zwischen Hellenen und Barbaren gedeutet. Dabei ging es durchaus nicht nur um eine politisch-militärische, sondern auch eine kulturell-normative Auseinandersetzung, einen Kampf zwischen Ordnung und Chaos, Maß und Hybris, Freiheit und Despotie, Europa und Asien. Die Griechen haben damit eine Erinnerungsfigur geschaffen, die sich immer wieder instrumentalisieren ließ.
 
Der Athener Xenophon, ein guter Kenner der persischen Welt, hat mit einem seiner Werke dem Begründer des persischen Reiches, Kyros, ein literarisches Denkmal gesetzt, das diesen als idealen Herrscher und vorbildlichen Edelmann präsentierte. Der Rückbezug der Humanisten auf die Antike knüpfte gerade hier an und war deshalb von einem sehr positiven Iranbild geprägt, was noch durch die Rolle desselben Herrschers im Alten Testament im Zusammenhang mit der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft wesentlich gefördert wurde.
 
Allmählich aber gewann der klassische Gegensatz an Gewicht. Bei Montesquieu lässt sich das gut beobachten: In den »Persischen Briefen« begegnen dem Leser persische Aristokraten, die auch im europäischen Kontext eine gute Figur machen. Im »Geist der Gesetze« dagegen ist der persische Großkönig neben dem Kaiser von China, dem Mongolenkhan, dem indischen Großmogul und dem osmanischen Sultan ein Musterexemplar für orientalischen Despotismus.
 
Gerade in Abgrenzung von diesem wird bei Montesquieu eine gesetzlich-gerechte Ordnung der westlichen Staaten diskutiert. So erfüllt der Alteritätsdiskurs seinen Zweck und entfaltete seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine ungeheure Wirkung. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Edward Said hat dies unter dem Titel »Orientalismus« eingehend und eingängig analysiert und damit eine breite Debatte eröffnet.
 
In diesem Zusammenhang fanden auch die Erfolge der alten Griechen und deren Selbstdeutung Platz: Das klassizistisch-neohuma- nistische, das moderne und liberale Europa sah sich in der Nachfolge der Griechen, ja es identifizierte sich mit ihnen. Nach Hegel waren die griechischen Siege »welthistorische Siege: Sie haben die Bildung und die geistige Macht gerettet und dem asiatischen Prinzip alle Kraft entzogen«. Für John Stuart Mill war die Schlacht von Marathon »auch als Ereignis der englischen Geschichte wichtiger als die Schlacht von Hastings«. Diese Figur der Identifizierung zieht sich durch wissenschaftliche wie vortheoretische Konzepte hindurch und bis in neueste Publikationen hinein.
 
Der Marathonlauf ist nur eine besonders aparte Variante eines derartigen Rückbezugs. Damit aber ist auch die europäisch-abendländische Identität auf einen spezifischen Alteritätsdiskurs, »die Polarität von Okzident und Orient« (Karl Jaspers) gegründet, wie er in den einleitenden Worten der Romanfigur Settembrini zum Ausdruck kommt — um den Preis der Ausblendung und Ausgrenzung anderer Traditionsstränge. Huntington forciert dies mit seiner — in diesem Sinn vorgeprägten — Wahrnehmung der heutigen Weltlage.
 
Das ganz Andere wird wieder nah
 
Genau zu jener Zeit, als der längst islamisch gewordene Iran der Welt des ganz Anderen und schlechthin Fremden zugerechnet wurde, rückte er aber zugleich in die Nähe des Westens. Die großen sprachhistorischen Entzifferungen des Mittelpersischen und des Sanskrit zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigten plötzlich massive strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den europäischen Sprachen und dem Iranisch-Indischen, die seitdem als indo-europäische oder indogermanische Sprachen zusammengefasst werden. Damit aber war, ganz nach den Vorstellungen der damaligen Zeit, Verwandtschaft zwischen den Sprachen, also den Völkern nachgewiesen. Schon früh deutete Herder die Konsequenzen an: »Hat Xenophon von den Sitten der alten Perser, unter denen Cyrus erzogen ward, wahr geredet, so mag der Deutsche sich freuen, dass er mit diesem Volk wahrscheinlich eines verwandten Stammes ist.« Und indem die antike Bezeichnung der Iraner, nämlich Arier, zum Sammelbegriff für die ostindogermanischen Sprachen und Stämme — und damit zugleich ältesten Völker dieser Gruppe — gemacht wurde, konnten sich auch die Germanen in Arier verwandeln. So hielt Friedrich von Schlegel schon 1819 fest: »Es (wird) nicht befremdend sein, wenn ich hinzufüge, dass es für mich schon seit längerer Zeit zur historischen Vermutung geworden ist, für die ich vielfältige Bestätigung gefunden habe, unsre germanischen Vorfahren, während sie noch in Asien waren, dort vorzüglich unter dem Namen der Arier. .. zu suchen.«
 
Auf diese Weise trat neben die Rede von der Alterität ein Diskurs der Nähe und Verwandtschaft, der Identität. Dieser wurde sogar, durch den modernen Rassismus, die radikalste Variante einer biologischen Verfestigung von Identitätskonstruktionen, besonders ausgestaltet, bis hin zum Ariertum während des Nationalsozialismus, wo er die Grundlage für den Genozid wurde. Die Widersprüche zwischen der Alteritätsfigur des Orientalismus und diesem makabren Identitätsdiskurs wurden in Bezug auf die Iraner beziehungsweise die Perser mit kleinen intellektuellen Klimmzügen beseitigt, etwa dergestalt, dass die aus dem Norden kommenden Arier allmählich durch negative Einflüsse ihres orientalischen Milieus, insbesondere durch Vermischung der Rassen, ihre ursprüngliche Kraft verloren hätten. Die Perserkönige degenerierten auf diese Weise zu verweichlichten Sultansnaturen.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt der Diskurs der Identität zwischen Okzident und Iran eine neue Variante, und zwar im Zusammenhang mit der Errichtung der Herrschaft von Schah Reza Pahlewi. Um sich zu legitimieren, knüpfte der Schah dezidiert an die alten Großkönige an. Zugleich machte er seinen Staat zu einem Bollwerk des Westens in einem für diesen nunmehr schwer kontrollierbaren Umfeld. Modernisierung und technischer Fortschritt gingen gemeinsam mit dem Ausbau eines rigiden, rückwärts gewandten Herrschaftssystems Hand in Hand. Beides kam — nur scheinbar paradox — aus dem Westen: das Know-how von Ingenieuren und die positiv bewertete altpersische Tradition von Iranisten. Der Schah war damit für zahlreiche Deutsche »einer von uns« geworden. Viele werden sich noch gut erinnern, dass er sogar Züge eines deutschen Ersatzkaisers angenommen hatte, wenigstens erweckte die Regenbogenpresse damals solche Eindrücke.
 
Im Zusammenhang seiner autoritären Verwestlichung von oben schaffte der Schah die islamische Zeitrechnung ab, und 1971 feierte mit großem Pomp, wie es in einer Grußadresse des damaligen deutschen Botschafters in Teheran hieß, »das iranische Volk die Gründung des Persischen Kaiserreichs vor 2500 Jahren durch Cyrus den Großen«. Nach all dem war es dann nur zu konsequent, dass der lang ersehnte Sohn und Erbe des Schahs diesen Namen trug.
 
Das Andere wird auch wieder fremd
 
Nicht einmal acht Jahre später, am 16. Januar 1979, verließ der Schah Persien, vierzehn Tage später kehrte der Ayatollah Khomeini aus seinem Exil zurück, am 1. April 1979 wurde die »Islamische Republik Iran« proklamiert. Bis heute gilt sie als Muster- und Schreckbild des islamischen Fundamentalismus: Förderer des Terrorismus, Vorposten im Kampf gegen Gleichberechtigung, Kämpfer gegen die Freiheit der Kunst — kurzum ein ideales Gegenbild. Der uralte Diskurs der Alterität hatte auf der ganzen Linie gesiegt. Hier soll nichts beschönigt oder übersehen werden, dass auch und gerade das iranisch-islamische System an dieser Gegensatzfigur aus seiner Sicht wesentlich mitgearbeitet hat. Doch ist dabei auch in der Optik des Westens vieles in Vergessenheit geraten, und zwar nicht nur die Voraussetzungen der islamischen Revolution, sondern die ganze Geschichte des islamischen Iran.
 
Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
 
 
Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Aus dem Englischen. Taschenbuchausgabe Berlin 1998.
 Berger, Peter L./Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Aus dem Amerikanischen. Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 1998.
 Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz. Aus dem Französischen. Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 71997.
 Hobsbawm, Eric J.: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. Aus dem Englischen. Taschenbuchausgabe München 21998.
 
Identitäten, herausgegeben von Aleida Assmann und Heidrun Friese. Frankfurt am Main 1998.
 Lévinas, Emmanuel: Die Zeit und der Andere. Aus dem Französischen. Hamburg 31995.
 Müller, Klaus E.: Das magische Universum der Identität. Elementarformen sozialen Verhaltens. Ein ethnologischer Grundriß. Frankfurt am Main u. a. 1987.
 Oberndörfer, Dieter: Die offene Republik. Zur Zukunft Deutschlands und Europas. Freiburg im Breisgau u. a. 1991.
 Sloterdijk, Peter: Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung. Ästhetischer Versuch. Frankfurt am Main 31994.
 Waldenfels, Bernhard: Der Stachel des Fremden. Frankfurt am Main 21991.
 Waldenfels, Bernhard: Studien zur Phänomenologie des Fremden, Band 1: Topographie des Fremden. Frankfurt am Main 1997.

Universal-Lexikon. 2012.

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